Rehwildtage

cfhf„Et läuft!“ könnte man zur bisherigen Bocksaison sagen, und wie! Dabei hatte es doch so schlecht angefangen – rein zeitlich jedenfalls. Zunächst konnte ich zwar immerhin ein schwaches Schmalreh auf einer schönen Wald- pirsch erhaschen. Rein tatsächlich aber verlor ich dann die ersten beiden Mai-Wochenenden, weil ich sehr kurzfristig eine Einladung auf Schwarzbär in British-Kolumbien bekommen und an einem der traditionell hoch amüsanten Jagdparcoursschießen teilgenommen hatte. Ein angenehmer Zeitverlust also, zumal er einen durchaus ansehnlichen Blacky und das erwartet stimmungsvolle Event brachte. Wer „DEN Cup“ unseres Clubs Deutscher Venatoren (CDV) noch nicht kennt, der sollte ihn sich unbedingt einmal anschauen!

Nun denn, jedenfalls hatte ich etwas aufzuholen. Der Start misslang zunächst noch, denn der Morgenansitz im eigenen Revier und am erfolgsverheißenden, langgestreckten Wiesengrund brachte keinen passenden Anblick. Abgesehen von einer kleinen Rotte Überläufer. Die wären natürlich sehr passend gewesen, provozierten mich aber hämisch grinsend von etwa 20 m jenseits der Reviergrenze. Man sieht sich immer zwei Mal im Leben…

Der Abend an gleicher Stelle dagegen ließ den Puls schon beim Aufbaumen höher schlagen: das, was dort reichlich weit draußen im Grund stand, ließ sich schon auf den ersten Blick als ordentlichen Bock ansprechen. Unfassbar, wie hoch das Gras ausgerechnet an dieser Stelle schon stand. Jagdfreund Nico, der etwa 350 m seitlich auf einer höheren Warte saß, und ich versuchten trotzdem mittels Handykommunikation ein gemeinsames Ansprechen. Dunkle, gut geperlte und zumindest nicht schwache Stangen. Ich habe mir angewöhnt, bei der Bockjagd immer ein Spektiv mit mir zu führen. Eine zuverlässige Hilfe, das hohe Gras aber blockierte fast jede Sicht. Seit ich meine 1780 führe wage ich ab und an weitere Schüsse und habe deswegen auch immer einen Entfernungsmesser dabei: 230 m. Ups. Ich traue meinem 12-fachen Zeiss einiges zu, bin aber auch der festen Überzeugung, dass bei mir Waffe und Optik besser sind als ihr Steuermann – im Falle eines Falles wäre das eine echte Aufgabe.

Während ich versuchte, mir aus Fußleiste und Auflagenbrett eine möglichst feste Schussposition zu bauen, äugte das Objekt der Begierde plötzlich hochaufgerichtet zurück in den Bestand – der wird doch nicht…? Zack, drei Sprünge, ein (zu) kurzes Verhoffen, weg war er. Reichlich verdattert starrten ich und mein Ansprechgehilfe auf die verbleibende Begleitgaiß, die seelenruhig stehen geblieben war. Naja, der kommt wieder. Von wegen. Was kam waren ein hundeführendes Pärchen, welches sich ohne jeden Weg durch die Wiese und den nahen Waldrand schlängelte und alles Rehwild laut schreckend vergrämte. Vielen Dank auch. Aber: der war gemerkt.hshsh

Den Abend drauf waren ich und mein Vater im Vogelsberg eingeladen. Auch das schon Tradition, der hiesige Pächter Michael ist seit Jahren großzügiger Gastgeber für viele. Mir wurde eine bekannt gute Wiese am Waldrand zugeteilt, auch hier schon beim Aufbaumen das erste Reh, nur kurz durch Äste, dann ein mittelalter, nicht ge rade hervorragend veranlagter Sechser. Kurz darauf ein Jährling, bei dem das Spektiv zwar Freude bereitete, aber jeden Anschlag strikt verbot. Wieder ein wenig später eine wohl uralte Gaiß in Begleitung ihres Vorjahreskitzes – rund 150 m laserte ich, das passte. Lange hatte ich den Lochschaft im bequemen Anschlag, dann endlich drehte das Schmalreh sich so, dass ich sicher kein Blatt mittreffen konnte – der Anfang war gemacht.

Kaum war der Schuss verhallt erschien das Sechserchen wieder. Lange zögerte ich, wurde mir aber einfach nicht über sein Alter klar. Plötzlich, es dämmerte schon etwas, eine weitere Bewegung: ein gräulicher Schatten schlich zur Äsung. Aufgeregt fingerte ich das Spektiv herbei. Der könnte passen, keine tollen Sechserstangen – oder?

Was war denn das? Die rechte Seite zeigte nur zwei halbhohe Spieße! Unstet waberte der Abnorme umher, bis auch er endlich, genau an derselben Stelle wie das Schmalreh, genau so breit verhoffte. Heissa, ein Doppelpack! Nach dem Aufbrechen und der wie immer guten Verköstigung durch Michael fuhr ich meinen Vater nach Hause. Meinen Darmstädter Kandidaten hatte ich noch im Kopf, also ließ ich meinen Vater nur aussteigen und fuhr sofort zum Morgenansitz. Der Plan war klar: Aufgrund es morgendlichen Windes und des störungsfreieren Angehens ein anderer Sitz. Der Schuss würde weit sein, aber die Chancen nicht schlecht. Ich machte alles fertig – Mist! Mein Vater hatte mal wieder die Gewehrfutterale vertauscht! Ich hatte meine Munition, aber nicht meine 1780!

hfhfIch stellte das ganze Auto auf den Kopf und fand immerhin eine Kugelpatrone. Aber mit dem Drilling meines Vaters weit schießen…? Puh… Es blieb mir nichts weiter übrig. Schon bald nach dem mich insgesamt sieben junge Damhirsche passiert hatten erblickte ich exakt an der erwarte- ten Stelle zwei Rehhäupter. Für das normale Glas war es zu weit, für das Spektiv noch zu dunkel. Das Zeiss zeigte zumindest, das Einiges zwischen den Lauschern stand – das waren die beiden! Aber von hier aus, mit dem Drilling? Nein, und sie zogen noch weg von mir! Momentan standen sie rund 30 m vor dem nächsten Sitz am Waldrand, verdeckt durch eine dichte Schwarzdornhecke. Ich sprang vom Sitz und raste im Wald Richtung dem nächsten Sitz- recht leise, da es geregnet hatte. Unter der letzten Brennessel direkt an der Leiter aber übersah ich ein Ästchen.

Ein leises „Knicks!“ und schon sprang das Pärchen, das inzwischen direkt am Sitz gestanden haben musste, an mir vorbei in die Wiese hinaus. Ich hastete auf den Sitz, um die Richtung zu erahnen – nichts mehr. Verflucht! Aber so richtig flüchtig waren sie nicht gewesen, vielleicht… Nach ein paar Minuten entdeckte ich weiter draußen ein undefinierbares Lauscherpaar. Mir direkt gegenüber stand eine kleine Kanzel, dort vielleicht? Gebückt rannte ich über die offene, patschnasse Wiese hinüber, meinen Vater mehrmals verfluchend. Dort angekommen entpuppte sich das Rehhaupt als weiblich, ebenso ein anderes 80 m weiter. Tja… Plötzlich eine Bewegung im Augenwinkel, fast direkt hinter mir. Gerade noch sah ich auf 15 m eine Keule hinter einem Busch verschwinden, direkt dahinter ein weiteres Stück –das mussten sie sein! Tatsächlich, kurz bevor auch das zweite Stück verschwand konnte ich die dunklen Stangen des Gesuchten erkennen. Gespannt lag ich auf der anderen Buschseite im Anschlag –nichts geschah. Dann wackelte der ganze Busch. Während Madame genüsslich äsend auf meiner Seite austrat, fegte der unsichtbare hohe Herr den Busch zusammen, als gäb’s kein Morgen mehr. Eine gefühlte Ewigkeit starrte ich abwechselnd direkt in die Lichter der Gaiß oder auf den bedrohlich schaukelnden Weidenbusch. Vor lauter Nervosität hätte ich fast durch diesen hindurch geschossen, als Monsieur sich – das Gehörn voller Gras- und Astfetzen – endlich zum Austreten bequemte. Seine Begleiterin stand seit Minuten brezelbreit, er natürlich spitz und überriegelt, ich sah nur ab und an seine Stangen oder den Äser. Ich wurde immer nervöser und musste mich zwingen, nach dem nächsten Schritt nicht auf den Träger zu schießen – drei Schritte später endlich konnte ich das Blatt sehen und die paar Meter waren auch ohne 1780 kein Problem. Wow, das war aufregend gewesen!

Bei unserem guten, alten Freund Paule im Taunus hatte ich völlig freie Hand, er freute sich ehrlich über jeden Besuch und jede Erlegung. Meist blieb ich über Nacht auf einem seiner Sitze und nahm noch die Morgenpirsch mit. Es lief wie am Schnürchen, jeden Morgen brachte ich 2-3 Stück Rehwild an die Wildkammer. Einen besonderen Bock aber, den suchte ich vergebens: Ich hatte ihn einmal abends an einem Wildacker gesehen. Ich hatte ein Schmalreh erlegen können, zwei jüngere Böcke für eine verheißungsvolle Zukunft pardoniert, als es zu dämmern anfing. Ein halbgrauer schatten löste sich aus dem Wald, schon mit bloßem Auge waren hohe, dunkle Stangen erkennbar. Hui, das war einer! Das Spektiv zeigte stark und hoch geperlte Stangen, auf der einen Seite lediglich eine starke Schere aufweisend. Aber ich wurde und wurde mir nicht über das Alter klar. Mehrfach entsicherte ich, mehr- fach setzte ich das Gewehr wieder ab und das Spektiv wieder an. Ich war mir einfach nicht sicher, ob er reif war.

Paule hatte dafür abends eine einfache Frage parat: „Bist Du bekloppt? Ich muss hier 48 Rehe schießen, den kennt keiner und sieht vielleicht nie wieder einer. Schieß, verdammt!“ Am Morgen aber glänzte der Kandidat durch Abwesenheit. Schon in der vollen Sonne konnte ich ein weiteres Schmalreh ins Gras sinken lassen, etwas weiter beim Pirschen einen Jährling. „Er“ blieb aber verschwunden. Einmal sah ich ihn im Vorbeifahren aus dem hohen Gras lugen, gerade lange genug, um ihn zu erkennen – weg war er wieder, wochenlang.

Einige Zeit hatte ich die angenehme Begleitung einer hübschen Jungjägerin, wir wollten Rehe ansprechen üben. Paul´s traumhaftes Taunus-Revier ist für so etwas immer ein gutes Pflaster.

Ich wollte einen Sitz um die Ecke ausprobieren, vielleicht…? Tatsächlich, schon beim Anfahren sah ich ihn in der Wiese stehen, dieses Mal kam er mir seltsamerweise auch sofort reif genug vor. Nur nichts anmerken lasen, ein- fach weiter rollen. Wir pirschten zurück zum Sitz und erklommen in Zeitlupe die Kanzelleiter. Wirklich, jetzt sah ich das ergraute, mürrische Gesicht und den dicken Träger sofort, wie konnte ich das vorher übersehen haben?

Klar passte der!
Der Gesuchte spannte mich auf die Schulter, stand minutenlang halbspitz. Ich wurde immer nervöser, musste ein paar Mal absetzen, dann aber zeichnete der Beschossene deutlich. Sophie, meine Begleiterin, war eine echte Glücksbringerin, konnten wir doch kurz darauf schon wieder ein Schmalreh erlegen. Die kurze Nachsuche brachte einen wirklich interessanten Taunus-Bock, was für ein Lauf!

Momentan, während der Blattzeit, habe ich dieses Jahr bereits weit mehr Rehwild erlegt als in anderen Jahren insgesamt! Und auch die Trophäen waren recht beachtlich: Eigentlich koche ich nur Besonderheiten ab – dieses Jahr aber habe ich schon 14 sauber gekappte Hornträger in der Bleichwanne, davon vier Abnorme. Für meine bescheidenen Verhältnisse bisher eine tolle Saison, denn offensichtlich hat sich das Rehwild vorgenommen, mich schlicht und einfach umzurennen.

Aber, och Gott: ICH beschwer mich nicht…

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